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Kapitän Haddock in einem typischen Gemütszustand © Hergé / Moulinsart
Captain Haddock

Ikonoklasten! Säbeltürken! Schrumpfgermanen!

Das Bild des saufenden, fluchenden Seefahrers hat der treue Freund von Comic-Held Tim geprägt wie kein anderer.

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7 Minuten

Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff. Für mich hat er das Steuer auch heute noch fest in der Hand: Haddock, Kapitän zur See, bester Freund von Tim. In diesen Tagen wird der wichtigste Weggefährte von Tim, Freund und Widerpart in zwei Dutzend Abenteuern, 80 Jahre alt. Für Millionen jugendliche Leser der Comics Tim und Struppi mag er die erste Begegnung mit maritimen Archetypen gewesen sein – im Guten wie im Bösen. Haddock ist unglaublich präsent, ein Mann der Tat, mit Seebeinen und zupackender Hand.

Doch zugleich ist er ein Tollpatsch, dem dauernd Missgeschicke unterlaufen. Und der immer wieder zu tief ins Glas schaut. Für Tim lässt er sich auf jedes Abenteuer ein. Angst hat er nur vor einem: den Arien der Operndiva Castafiore. Die erinnern Haddock an „den Hurrikan, der uns packte, als wir vor den Antillen kreuzten.“

Dass Seebären einen Hang zum Hochprozentigen haben, ist mir seit meiner Grundschulzeit feste Gewissheit. Seitdem mir erstmals in einem der bunten Comic-Abenteuer von Tim, dem blassen belgischen Kinds-Helden, diese malerische Gestalt begegnete: immer im blauen Seemannspullover, auf dem ein Ankermotiv prangt, mit Tabakspfeife und Kapitänsmütze.

Kapitän Haddock wird 80
Nein, das ist keine aktuelle Aufnahme des 80-jährigen: Haddock hatte bloß einen Unfall © Hergé / Moulinsart

Hunderte Flüche des Kapitäns

Fährt er immer noch über die Weltmeere? Oder hat er sich längst zur Ruhe gesetzt, vorm Kamin in seinem (fiktiven) Schloss Mühlenhof, mit einer Pulle geliebten (ebenfalls fiktiven) Loch Lomond-Whisky?

Zu gönnen wäre es dem Fahrensmann: Nach diversen kräftezehrenden Reisen auf den Mond, nach Tibet und in mehrere fiktive (Unrechts-)Staaten hat er bekanntlich Wohlstand erworben. Und Ruhe verdient. Ruhe, um sich neue Flüche überlegen zu können. Wer jemals einen Tim-und-Struppi-Band in Händen hielt, wird zumindest von den Verwünschungen beeindruckt gewesen sein, die der Kapitän zu jeder Gelegenheit (und gegen jeden) hervorstoßen kann. Manche dieser Schimpf-Kanonaden ziehen sich über eine halbe Seite.
Die berühmtesten wussten wir auswendig, so wie eine Generation zuvor die zehn Vornamen Hadschi Halef Omars: Besonders beliebt waren „Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!“ und „Hagel & Granaten!“ Immer gern genommen auch „Schweißfußindianer!“, „Pantoffeltierchen“ oder „Seegurke!“ Hunderte sind es, mehr skurril als vulgär.

Und brillant übersetzt, ins Deutsche ebenso wie in Dutzende weitere Sprachen. Über 100 Millionen Alben sind seitdem veröffentlich worden mit seinen Flüchen. Wir Kinder durften die bunten Bilder lesen, trotz manch hochgezogener Augenbraue der Erwachsenen. Wer es genau wissen möchte: Überliefert sind 221 Flüche und Verwünschungen.

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Sein Handwerk beherrscht er

Was können wir von Haddock lernen? Auf den ersten Blick nicht allzu viel Gutes – dass er sein Seemanns-Handwerk beherrscht, ist eher nebenbei in diversen Bänden zu sehen. Er navigiert mit Sextant und Fernglas sicher zur Schatzinsel (in „Der Schatz Rackhams des Roten“). Er beherrscht Ankermanöver im Schlaf und steuert sogar erfolgreich mehrere Torpedos aus (in „Kohle an Bord“).

Doch der Fokus steht eher auf Attributen, denen es am Vorbildcharakter mangelt: Der Käpt’n braucht lange, bis er zur Autorität des Schiffsführers zurückfindet, die er vormals sicher hatte. Und auch dann bleibt er ein Pechvogel. Doch gerade das macht ihn so attraktiv.

Sein erster Auftritt hat bereits Stil: Tim wird (mal wieder) entführt, ein Schiff fährt mit ihm aufs nächtliche Meer hinaus. Es gelingt ihm, sich zu befreien. Er findet heraus: Das Schiff wird von einer Verbrecherbande gesteuert, Anführer ist der Erste Offizier. Den Kapitän hält er unter Alkohol, um freie Hand für üble Machenschaften zu haben. „Erst Haddocks Erscheinen macht den Band so erinnerungswürdig“, schreibt Hergés Biograph Benoit Peeters.

Kapitän Haddock wird 80
So trifft man sich: Tim besteigt die Kabine des alkoholkranken Kapitäns © Hergé / Moulinsart

Hergé selbst schreibt später einmal: „Ich fand zufällig ein Waisenkind, das unfreiwillig betrunken und tot geboren wurde, in einer Kabine der Karaboudjan. Am Ende habe ich ihn geliebt und Tim und Struppi haben ihn umerzogen.“ Aber das dauerte: Anfangs macht der Trunkenbold dem Protagonisten erhebliche Mühe, sabotiert seine Pläne, versteht nichts. Doch mit jedem Band emanzipiert sich Tims Begleiter zusehends. Er wird zu einem wahren Freund. Einem, mit dem man durch Stürme steuert.

Vorfahr lehrte Papageien fluchen

Das Findelkind bekommt sogar eine prächtige Vita verpasst: Während wir nicht einmal sicher wissen, ob Tim einem Elternhaus entstammt oder einer Labor für den perfekten Menschen, wird uns vom Kapitän ein ganzer Stammbaum präsentiert. Wir fahren mit ihm auf eine tropische Insel, die einst sein – ebenfalls seefahrender – Vorfahr Ritter Hadoque, Kapitän in der Flotte des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV, eine Zeitlang bewohnte. Dafür gibt es einen kuriosen Nachweis (in „Der Schatz Rackhams des Roten“). Noch Jahrhunderte, nachdem der einstige Seeheld dort lebte, fluchen die wilden Papageien wie Hadoque, der sie einst das Schimpfen lehrte.

Haddock ist ein Alien in der Welt von Tim und Struppi: Er verkörpert in einem Meer der Stereotypen und platten Charaktere die einzige wahrhaft literarische Gestalt: in ständigem Wandel. Mit verzeihlichen Schwächen, über die er hinauswächst. Bei seiner Einführung in „Die Krabbe mit den Goldenen Scheren“ begegnet uns ein versoffener, willensschwacher Looser. Das sichtbare Gegenteil von Tim: Unbeherrscht (Trunksucht, ständiges Fluchen), vom Leben gezeichnet (Schwalbennester unter den Augen), ungeschlacht und vorlaut.

Kapitän Haddock wird 80So ein Seemannspullover lässt sich vielseitig einsetzen © Carlsen Verlag

Hochprozentige astronomische Bücher

Doch das bleibt nicht so: Der zur See fahrende Alkoholiker schafft es – mit Hilfe des tugendhaften Tim – von der Flasche weg und wieder ins Leben. Als er zu Geld kommt, wandelt er sich weiter zu einem arrivierten, weltgewandten Privatier. Er kann sogar sanftmütig sein: Dann sitzt eine Katze auf seinem Schoß, die Haddock unablässig streichelt. Bis er mal wieder Durst bekommt.

Seefahrer und Alkohol, das war in der Literatur und wohlmöglich in der Realität schon seit langem eine einträgliche Paarung. Doch vermutlich wurde es nie einem jüngeren Publikum nahegebracht als den Fans von Tim und Struppi. Selbst auf dem Flug zum Mond erleidet er einen Rückfall: Drei astronomische Bücher hat sich der Kapitän mit an Bord der atomgetriebenen Rakete genommen, dicke Wälzer.

Natürlich enthält keines der Bücher Wissen über die Sterne, sondern je eine Flasche mit Stern. Nach jeder hochprozentigen Lektüre stellt Haddock zufrieden fest: „Ich fühle mich schon weiser“ – und bringt im anschließenden Rauschzustand Tim bei einem Weltraumspaziergang in Lebensgefahr. Auch das hat Folgen: Haddock versinkt in Depression und Selbstvorwürfe, selbstverständlich nicht von Dauer.

Haddocks Tollpatschigkeit und Pech

Tim besteht mit Haddock alle Abenteuer – trotz Haddocks Tollpatschigkeit und Pech. Das macht den bärtigen Käpt’n, der Faktotum und Antiheld zugleich ist, so spannend. Er repräsentiert den fehlbaren Menschen, mit dem wir uns identifizieren können. TIm ist dagegen ein Shatterhand-Typ. Ein langweiliger Heiliger, dem man nicht einmal im Himmel begegnen möchte – analog zu Oscar Wildes Aphorismus „Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse.“

Kapitän Haddock wird 80
So kennen wir ihn: Immer im Rollkragenpullover, immer mit leicht verdrossener Miene © Hergé / Moulinsart

Durch diesen gebrochenen Charakter hat Hergé sein Werk erst unsterblich gemacht. Nachdem ich dem verschrobenen Seebären erstmals begegnet war (in „Das Geheimnis der Einhorn“), erschienen mir die älteren Abenteuer, in denen Tim nur von seinem Terrier Struppi eskortiert wird, farblos und fast langweilig. Fortan begann der Spaß erst mit dem (lautstarken) Erscheinen des Captain. Und er war nicht nur für dauernde Flüche, gelegentliche Abstürze und originelle Peinlichkeiten gut, sondern wandelte sich auch von Band zu Band.

Besetzung bleibt eindimensional

Während Tim zuvorkommend, aufmerksam und introvertiert blieb – der ideale Reporter und Detektiv, der stets hinter der Story zurücktritt – und damit gleichsam leblos, wurde Haddock immer vitaler: Er findet den Schatz, den ein Vorfahr von Piraten erbeutete, kauft sich damit den alten Familienstammsitz zurück, entwickelt Manieren und Savoir-Vivre, sogar das Reiten versucht er zu lernen („der gnädige Herr ist ausreiten. Sehen Sie, da kommt schon sein Pferd“), setzt schließlich sogar mehrfach sein Leben für den Freund aufs Spiel.

Für den Einzelgänger Tim (und wohl auch für Hergé) ist der Kapitän in seinem „staubigen Schloss“ („Der Fall Bienlein“) eine Ersatz-Familie, ein Ort zum Wurzeln schlagen, Vater und Bruder zugleich. Ausgerechnet ein Seemann!
Ansonsten bleibt die Kultbesetzung des belgischen Zeichners George Prosper Remi, der seine Initialen GR umkehrte, französisch prononcierte und daraus das Pseudonym „Hergé“ kreierte, überwiegend eindimensional: Professor Bienlein ist genial, zerstreut und hört schlecht (bis er für seinen Mondflug ein Hörgerät bekommt), die Operndiva Castafiore ist chronisch gut gelaunt (und daher eine natürliche Antagonistin Haddocks, der zu Misanthropie neigt), sein Diener Nestor servil bis zur Selbstverleugnung, das Detektiv-Duo Schulze und Schultze täppisch und weltfremd.

Haddocks Fehlerhaftigkeit versöhnt auch mit den schwierigeren Facetten von Hergés Oeuvre: Etwa seine frühe unkritische Rezeption von Themen mit rassistischen und kolonialistische Tendenzen, seine anfangs sehr plumpen Klischees, später sein Opportunismus gegenüber der damaligen deutschen Besatzungsmacht im Belgien der frühen 1940er-Jahre.

Wer will, kann nachfolgende Bände als Versuch, die politische Naivität der Anfangsjahre zu kompensieren, deuten. Und wirklich ist zum Beispiel die bizarre Diktatur des Pleksy-Gladz im Fantasie-Staat Bordurien, garniert mit den lächerlichsten Accessoires aus Faschismus und Stalinismus („Der Fall Bienlein“), eine hinreißende Satire – mit dem Frühwerk kaum vergleichbar.

Kapitän Haddock wird 80Der erste Comic-Band mit Haddock thematisiert sein Trinkproblem sogar im Titel © Carlsen Verlag

Haddock ist die dunkle Seite von Tintins Seele

Doch die stärkste Schöpfung ist und bleibt der Käptn. Oft wirkt Haddock wie die dunkle Seite von Tintins Seele. Und ganz ähnlich wie der andere berühmte Comic-Seemann Corto Maltese ist der bärtige Seebär in Teilen ein Selbstporträt des Zeichners: „Eigentlich ist der Kapitän, wenn er wütend wird, so wie ich, wenn ich wütend werde“, sagte Hergé einmal in einem Interview – wie viele Künstler zur Aufspaltung und Ausbeutung der eigenen Persönlichkeit besoners befähigt.

Kapitän Haddock wird 80Haddock entspannt © Hergé / Moulinsart

Doch auch ein guter Bekannter stand Pate: „Er ist zum Teil mein Freund Jacobs, der, wenn er betrunken ist, zu großen demonstrativen Gesten fähig ist und gelegentlich der Schwerkraft trotzende Fauxpas begeht.“ Verließ sich Hergé für seine Bilder und Stories zu Anfang auf einzelne, oftmals tendenziöse, Berichte, recherchierte er in späteren Jahren minutiös auf eigene Faust. Er begab sich an Bord von Schiffen, steuerte ferne Länder an, lernte die Welt kennen, in die er dann seine Helden auf haarsträubende Abenteuer schickte.

Der geistige Vater von Archibald Haddock machte keinen Hehl daraus dass er – ähnlich wie Hugo Pratt mit seinem Corto – eine innige Beziehung zu dem Vater-Ersatz von Tim pflegte. Mitunter sogar einen Kampf: „Er hat mich wirklich gefordert, fast mit Gewalt. Er hat sich aufgedrängt! Zunächst ist er überhaupt nicht sympathisch. Er ist ein Trunkenbold, ein Sklave der Abhängigkeit: ein echter Irrer.

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Wenn er Panik in den Reihen der Araber säht, die vor seiner schrecklichen Wut fliehen, ist er überhaupt nicht heldenhaft: Er ist einfach betrunken.“ So bleibt er in meiner Erinnerung. Weitere Metamorphosen wird es nicht geben: Hergé hat testamentarisch Bearbeitung und Erweiterung seines Stoffs untersagt. Damit kann Haddock (und mit ihm die weitere Tim-Crew) in Würde altern.

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